Begegnungen

Begegnungen, die das Leben ausmachen

Wenn ich mich zurück erinnere, hatte ich schon sehr oft ein falsches Selbstbild von mir.

Habe behauptet, dass ich der unkreativste Mensch der Welt bin. Fand mich immer selbst als eher langweilige Person. Ich komme sehr schwer mit Menschen ins Gespräch, weil ich nie wusste was ich denn sagen könnte oder was ich schon zu geben hätte. Diese verrückten Einstellungen waren das Resultat aus Zweifel, wenig Selbstvertrauen und mehr im aussen sein, anstatt bei mir. Obwohl ich mir schon oft das Gegenteil bewies.

Zum letzten Punkt, mit den Gesprächen, habe ich schon sehr viele Begegnungen im Alltag mit fremden Menschen gehabt, die für mich ganz normal waren. Darum habe ich sie vielleicht nie als etwas besonderes gesehen, weil es so einfach für mich war, sich stundenlang mit jemanden über das Leben zu unterhalten. Nagut, die Erlebnisse waren schon besonders, aber dass ich so einfach ins Gespräch kam, war mir nicht bewusst. Es hatte sich einfach so ergeben, weil ich offen dafür war und Menschen mich interessieren. Was sie berührt, über was sie sich Gedanken machen oder was ihre Träume sind. – Von einer Begegnung möchte ich gerne erzählen.

Als ich noch in Hamburg wohnte, war ich eines Tages auf dem Weg zur U-Bahn. Ich kam gerade vom Schauspielunterricht und wollte nach Hause. Als ich die Treppen hinunter lief zum Bahngleis, wurde ich direkt angesprochen von einem jungen Mann, ob ich einen Euro für ihn hätte. „Ja klar“ ,meinte ich, „wenn du kurz warten willst, ich habe nämlich mein Portemonnaie ganz unten im Rucksack.“ – „Kein Problem!“, antwortete er.

Ich dachte, ob er ein Obdachloser sein könnte. Jedenfalls hatte er saubere Kleidung an uns sah gepflegt aus. Ein bisschen unruhig war er und bewegte sich viel hin und her. Während ich in meinem Rucksack kramte, kamen wir ins Gespräch. Er fragte mich, was ich denn so mache, hier in der Stadt. Ich meinte, dass ich noch gar nicht so lange in Hamburg lebe und hier meine Schauspielausbildung angefangen habe. Irgendwie hatte ich bei der Aussage ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht von ihm verurteilt werden oder mich als was besseres darstellen wollte, wegen der Schauspielerei. – Er fand es aber glaube ganz interessant. 

In der Zeit hatte ich ihm schon das Geld gegeben. Er ging aber nicht weiter, schien an mir kleben zu bleiben. Vergaß seinen Auftrag, weswegen er doch eigentlich hier her gekommen war, schnorren. Für was, das weiß ich nicht, habe ich auch nicht nach gefragt. Die Bahn kam. Schon längst waren wir in das Gespräch vertieft. Wir stiegen beide ein. Wie selbstverständlich, blieb er an meiner Seite. Ich setzte mich auf den ersten freien Platz. Er setzte sich mir gegenüber und plauderte fleissig weiter. Obwohl er sehr laut gesprochen hat, war die Situation angenehm und  das Interesse meinerseits sehr groß. Das kaschierte das unangenehme Gefühl, welches sein lautes Gerede in mir auslöste.

Also eigentlich war es ja nur eine Stimme in meinem Kopf, die mir gerade sagte, dass die anderen Menschen, sich von der Lautstärke gestört fühlen könnten. Es war einfach zu interessant, was er zu erzählen hatte, über seine Vergangenheit. Er hieß übrigens Moritz, aber alle nannten ihn Mo. „So wie Moe, von den Simpsons, der dem die Kneipe gehört, kennste?“, erklärte er mir zum Verständnis. Da war es sogar für mich einfach, sich seinen Namen zu merken. „Hallo Mo, ich heiße Steffi.“ Ich war neugierig, wer er war und woher er kam. Fragen brauchte ich gar nicht, er hatte so ein Mitteilungsbedürfnis und erzählte fast ohne Punkt und Komma.

Er war eine Zeit lang in Frankfurt, da kam er glaube auch her. Seine Mutter wohnte schon länger in Hamburg. Von einer Schwester erzählte er noch. Sein Leben bestimmten eine Zeit lang Drogen. Alles fing mit harmlosen Kiffen an und schnell wurden andere, stärkere Drogen daraus. Er rutschte richtig ab. Jahrelang hatte er keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter, war auch in anderen Großstädten unterwegs. Anscheinend hatte er eine Stimme in sich, die stärker war, als die Sucht. Er wollte da raus, suchte sich Hilfe, machte einen Entzug. In Hamburg lebte er in einem betreuten Wohnheim und meinte es geht ihm gut dort. Es gibt sogar Magnum Eis, worüber er sich sehr freute. Mo erzählte, dass er seit über einem Jahr clean ist und seitdem regelmäßig Methadon bekam.

Offensichtlich freute er sich sehr über eine Person, die ihm Zuhörte und Aufmerksamkeit schenkte. Ich fragte mich, ob er denn in dem Wohnheim niemanden hat, mit dem er so ausführlich sprechen konnte. Während er so im Redefluss war, glitten meine Augen durch das Abteil. Natürlich haben alle dieses Gespräch mitbekommen. Ab und zu schauten, für einen kurzen Augenblick, die Menschen zu uns und dann sehr beschämt wieder weg. An ihrer Körperhaltung merkte ich, wie unangenehm es ihnen war. Hielten diese Menschen sich für etwas besseres? Haben sie sich über Mo gestellt, weil er drogenabhängig ist?

Der Anblick der anderen Fahrgäste machte mich traurig uns wütend zugleich. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte sie angeschrien, was sie sich überhaupt einbildeten. Natürlich wusste ich nicht, was die anderen Menschen dachten, aber ihre Blicke und ihre Haltung sprachen für mich Bände. Ich hoffte, dass alle hier ihm schön zuhörten, was er zu sagen hatte. Niemand sucht sich bewusst aus, eine Drogenkarriere zu starten. Da rutscht du so rein, bist irgendwie drin in diesem Teufelskreis. Jeden von euch, einschliesslich mir selbst hätte das genau so passieren können. Als wenn es seine Entscheidung gewesen wäre. Er sprach gerade aus, dass er sein Leben in die Hand genommen hatte und an sich arbeitete, sich zu verändern. Vielleicht möchte er selbst einmal eine Familie gründen. Ein guter Vater werden und ein Vorbild für seine Kinder.

Kurzzeitig dachte ich daran, dass auch ich eine gefährdete Person für Drogenmissbrauch war. Gerade in der langen Zeit, wo ich selbst nicht mehr weiter wusste. Empfänglich war, für alles, was mir irgendwie weiter half. Die Traurigkeit, die Leere, alles zu betäuben und auszuschalten. Über das Szenario dachte ich sehr oft nach. Was, wenn es soweit gekommen wäre? Die Junkies waren zum Glück immer ein abschreckendes Beispiel für mich. So wollte ich nicht enden. Daher habe ich die Finger davon gelassen. Auch die Ungewissheit, die Angst, die Kontrolle zu verlieren, unter Drogeneinfluss, hat mich davon abgehalten. Doch die Kontrolle hatte ich nie. In dieser Zeit waren es meine Gedanken und Menschen von aussen, die für mich entschieden. – Und na klar, sicher ist man nie davor.

Ich fragte ihn, wie seine Mutter reagierte, als er eines Tages vor ihrer Tür stand. Er antwortete: „Sie dachte, ich wäre längst tot.“ – Puh, was muss das bitte für ein Gefühl sein, für eine Mutter, wenn sie seit Jahren denkt, ihr eigenes Kind sei tot. Gleichzeitig in einer Ungewissheit zu leben, ob es wirklich so ist. –  Und auf einmal stand ihr Sohn da. – „Sie hat sich sehr gefreut, natürlich.“ Er wirkte erleichtert mit dieser Aussage.

Es kam die Station an der ich aussteigen wollte. Ich bereitete ihn und mich schon mal darauf vor, dass ich gleich gehen werde. Wir verabschiedeten uns mit einem Hände schütteln. Ich wünschte ihm alles Gute für seinen weiteren Weg. Als ich schon beim Aussteigen war, rief er noch hinterher: „Danke, dir auch. Viel Erfolg und vielleicht sehe ich dich irgendwann mal im Fernsehen.“ – Ich lächelte: „Ja, das wäre schön.“ ,dachte ich. Mit einem schönen Gefühl, von diesem erfüllenden Gespräch, ging ich weiter meines Weges.

Diese kurze Begegnung versüßte mir echt den Tag. Er hatte nicht mehr an das Geld gedacht, welches ihm in der Zeit, durch die Lappen ging. Ihm wurde das Gespräch wichtiger, als alles andere. Das war ein wundervolles Gefühl. Dazu war ich noch dankbarer für mein Leben und wie gut es mir ging.

Auch heute lächle ich jedesmal, wenn ich in die Erinnerung zurück gehe. Frage mich, was er gerade macht und ob es ihm gut geht. Ich hoffe doch. Jedenfalls wünsche ich ihm vom Herzen nur das Beste.

Das sind für mich Begegnungen, die das Leben ausmachen. Auf interessante Menschen treffen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Sie normalerweise noch nicht mal sehen oder mit ihnen sprechen würde. Unvorhersehbares aufeinander prallen, zwei so unterschiedlicher Welten. Die das Leben prägen und die den Tag einfach überraschend zu etwas Besonderem gestalten. 

Wir begegnen jeden Tag Menschen. Sehen sie und viele davon passen offensichtlich nicht zu uns. Aber wenn wir uns ihnen gegenüber öffnen, dann passiert magisches und wir verstehen, dass wir doch irgendwo alle gleich sind. Jeder hat seine Probleme und Päckchen zu tragen. Wir alle wollen geliebt werden und einfach ein friedvolles Leben leben. 

Ich glaube, dass wir von Natur aus, jedem mit Offenheit und Liebe begegnen und dass es uns abtrainiert wird, es nicht mehr zu tun. Die Welt ist schrecklich, sehen wir jeden Tag in den Nachrichten und jeder könnte dir etwas böses antun. Sei also wachsam und vertraue niemanden. – Wie schade.

Der Welt offen gegenüber zu treten habe ich nie verlernt oder in Frage gestellt. Egal, wie oft ich schon enttäuscht oder verletzt wurde. Ich gebe mein bestes, möglichst unvoreingenommen den Menschen zu begegnen. Für meine Erfahrungen, kann ja die nächste Person nichts, auf die ich treffe. 

Als ich ein Kind war, waren wir viel mit dem Wohnmobil unterwegs. In ganz Europa, in Ländern wie Italien, Griechenland, Türkei, Schweden, usw. Viele verschiedene Sprachen und Kulturen, die mich nicht abschreckten, einfach in Zeichensprache mit den fremden Kindern in Kontakt zu treten. Es gab keine Barriere. Wenn man sich sympathisch war und zusammen spielen wollte, dann taten wir das einfach. 

Du hast nie etwas zu verlieren. Du kannst immer nur gewinnen und in den meisten Fällen, freuen sich die Menschen über ein Gespräch. Bleib offen, denn du weißt nie, ob nicht die nächste Begegung, dein komplettes Leben verändern wird.

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Sei einfach mutig.

Deine Steffi

01.05.20

Foto: Daria Shevtsona

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